Am Samstag, den 15. Mai 2010 fand die Mitgliederversammlung des Trägervereins der Gedenkstätte Grafeneck statt. Im großen Saal des Schlosses kamen um die 25 Mitglieder und Vertreter von Institutionen des inzwischen auf fast 150 Mitglieder angewachsenen Vereins zusammen. Sie wurden vom Vorsitzenden, dem Münsinger Bürgermeister Mike Münzing, begrüßt. Traditionell begann der Nachmittag mit einem Rückblick auf das Jahr 2009 und einem Ausblick auf das laufende Jahr 2010.
Beide Jahre - 2009 und 2010 - sind für die Geschichte Grafenecks und der Gedenkstätte von großer Bedeutung, so Thomas Stöckle, der Leiter der Gedenkstätte in seinem Jahresbericht.
Das Jahr 2009 brachte im Oktober 2009 den 70. Jahrestag der Beschlagnahmung Grafenecks im Dritten Reich. Am 14. Oktober 1939 war Grafeneck im Auftrag des württembergischen Innenministeriums für "Zwecke des Reichs" beschlagnahmt worden. Mit diesem Akt begann die Geschichte eines Verbrechens unvorstellbaren Ausmaßes: 10.654 Menschen wurden 1940 in Grafeneck ermordet. Das Gedenkbuch mit den Namen der Opfer, so Mike Münzing, wurde zu diesem Tag neu aufgelegt und gedruckt. Über 1.000 neue Namen von Opfer - in der Hauptsache aus dem Rheinland - kamen neu hinzu. Das Buch enthält nun über 9.000 Namen. Zum ersten Mal, ergänzte Thomas Stöckle der Leiter der Gedenkstätte, wurde nun auch ein Orts- und Herkunftsbuch aufgelegt. Der Besucher kann nun die unglaubliche Fülle der Städte, Gemeinden und Opfer erfahren, aus denen die Opfer kamen oder geboren sind. Das Buch enthält über 1.000 dieser Orte. Auch sind in den letzten 18 Monaten die An- und Nachfragen enorm angestiegen. Immer mehr Angehörige sind auf der Suche nach dem Schicksal ihrer Verwandten. Daneben sind es die Städte, Gemeinden oder aber auch ganze Stadt- und Landkreise, die sich des Schicksals ihrer früheren Mitbürger annehmen und deren Gedächtnis bewahren wollen.
Begleitet wurde der Oktober 2009, berichtete Münzing, durch eine Vielzahl von Veranstaltungen und einer Fernsehdokumentation des SWR mit dem Titel "Grafeneck 1940" des Hamburger Filmemachers Knut Weinrich. Der Film, so ist geplant, soll beim Schlossfest in Grafeneck am 17.06.2010 gezeigt werden. Herausragend war diese Oktoberwoche 2009 in mehrfacher Hinsicht, betonte Stöckle. Viele werden sich noch an die Spur erinnern, die zwischen dem 13. und 16. Oktober Grafeneck und Stuttgart verband, eine Farbspur von vielen tausend Menschen mit der Hand gezogen, um symbolisch den Ort des Verbrechens, Grafeneck, mit dem Ort der Schreibtischtäter, dem Stuttgarter Innenministerium, zu verbinden. Zu diesem Anlass und zu dieser Zeit stand dann auch die Wanderausstellung der Gedenkstätte Grafeneck im Stuttgarter Innenministerium. Die Woche im Oktober endete mit dem jährlichen Gedenkgottesdienst an der Gedenkstätte. Die Predigt hielt der Landesbischof der evangelischen Landeskirche in Württemberg Frank Otfried July. Neben dieses herausragende Ereignis trat die intensive Zusammenarbeit der Gedenkstätte Grafeneck mit dem Diakonischen Werk in Württemberg und der Vielzahl der diakonischen Einrichtungen im Land aus denen viele hundert Menschen in Grafeneck 1940 ermordet worden waren. Das unmittelbare Ergebnis war eine Gedenkveranstaltung der Diakonie in Württemberg in Stuttgart. Zu diesem Anlass wurde eine Schrift "Wohin bringt ihr uns? Euthanasiemorde in Württemberg - Gedenkorte der Diakonie" herausgegeben und eine Erklärung zu 70 Jahren Beschlagnahmung Grafenecks und zum Beginn der NS-"Euthanasie" veröffentlicht.
Ganz generell konnte auch was die mobile Ausstellung angeht, eine positive Bilanz gezogen und ein positiver Ausblick auf das laufende Jahr 2010 geworfen werden. So war die Ausstellung zu sehen im Zentrum für Psychiatrie in Winnenden, in den Rheinischen Kliniken in Bedburg-Hau im Kreis Kleve, in der Münsterklinik Zwiefalten, der Stiftskirche in Tübingen, der Leonhardskirche in Stuttgart und dem Metzinger Rathaus. Dieses Jahr war sie schon in Breisach am Rhein und soll noch nach Leonberg, Reutlingen-Rappertshofen, Sigmaringen, Markgröningen, Waiblingen und Stetten im Remstal gehen. Erfreulich, sagte Mike Münzing, ist die immer stärkere Aufmerksamkeit, die die Gedenkstätte Grafeneck nunmehr auch in der eigenen Region erfährt.
Dies schlägt sich auch unmittelbar auf die enorm angewachsene Zahl der Besucher und vor allem auch der Besuchergruppen nieder. Startete man Mitte der 1990er Jahre mit 30 Gruppen im Jahr, so stieg deren Zahl seit dem Bau des Dokumentationszentrums 2005 auf über 100 Gruppen um nunmehr im Jahr 2009 bei über 200 Besuchergruppen zu landen. Tendenz steigend! Zwischen 15.000 und 20.000 Besucher kommen laut Mike Münzing jährlich an die Gedenkstätte und damit auch gleichzeitig ins Samariterstift. Dies gilt es immer zu berücksichtigen, ist Grafeneck doch beileibe nicht allein Gedenkstätte, sondern auch und zuallererst Wohn- und Arbeitsstätte für über 120 Menschen mit geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung. Die zwei hauptamtlichen Mitarbeiter, Thomas Stöckle und Franka Rößner, können nur mit Hilfe einer kleinen Zahl von Ehrenamtlichen, den Aufgaben in Grafeneck und der Vielzahl von Anfragen aus dem Land nach Ausstellung, Seminaren und Vorträgen nachkommen. Neben die Frage nach weiterer Aufarbeitung und Forschung, so Thomas Stöckle, trat in den letzten Jahren ganz nachhaltig die Frage der Bildung, der historisch-politischen Bildung. Sie ist eindeutig zur einer der Kernaufgaben der Gedenkstättenarbeit geworden.
Eng verknüpft hiermit, so sagte Münzing, ist die Frage der Finanzierung der Gedenkstätte und ihrer Arbeit. Auch wenn die Finanzierungsfrage und die Finanzen des Vereins in den letzten Jahren eine im ganzen erfreuliche Tendenz aufweisen, berichtete die Schatzmeisterin Dr. Claudia Zonta, steht der Verein Gedenkstätte Grafeneck in den Jahren 2010 und folgende vor großen finanziellen Herausforderungen und Aufgaben. Wie der ständig wachsenden Schar der Besucher und der Besuchergruppen und deren Anforderungen und Erwartungen gerecht werden? Franka Rößner berichtete eindrucksvoll über die Zusammensetzung der Gruppen und stellte fest, dass immer mehr Besucher von Schulen an die Gedenkstätte kommen. Oft sind es gleichzeitig bis zu 4 oder gar 6 Klassen einer Stufe - oftmals neunte und zehnte Klassen aus Haupt- und Realschulen, sowie Berufsschulen, Förderschulen, Pflege- und Altenpflegeschulen. Daneben kommen ganz generell eine sehr große Anzahl von Besuchergruppen aus dem kirchlichen Bereich, von Mitarbeitern aus kirchlichen Einrichtungen und Kirchengemeinden. Dies stellt den Gedenkstättenverein vor große finanzielle Herausforderungen, berücksichtigt man hierbei noch den Erhalt, Unterhalt und laufenden Betrieb des Dokumentationszentrums. Der Kreis Reutlingen hat laut Vorsitzendem Mike Münzing erstmals einen Zuschuss für die Bildungsarbeit, die die Gedenkstätte erbringt, in Aussicht gestellt.
Nach Aussprache der Sach- und Finanzberichte wurde der Vorstand satzungsgemäß entlastet, ein Haushaltsplan für das laufende Jahr verabschiedet. In den Beirat des Vereins wurden für die kommenden zwei Jahre folgende Personen gewählt, bzw. bestätigt: Rüdiger Böhm (Mariaberg), Wolfgang Bleher (Samariterstiftung), Dietrich Sachs und Thomas Stöckle.
Zu allerletzt lud der Verein ein, die vielfältigen Veranstaltungen und Aktivitäten des Vereins Gedenkstätte Grafeneck zu beachten, zu verfolgen und zu unterstützen.
ts - 2010