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Krankenmord im Nationalsozialismus - Grafeneck 1940

Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland

Seit dem Jahr 2003 verfügt die Gedenkstätte Grafeneck über ein neues und in dieser Dimension für eine Gedenkstätte in Baden-Württemberg einzigartiges Medium: eine Wanderausstellung. Zu ihrer Entstehung haben viele Faktoren beigetragen. Möglich gemacht wurde die Wanderausstellung mit dem Titel Krankenmord im Nationalsozialismus – Grafeneck 1940. Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland durch die Gedenkstättenförderung des Bundes und des Landes Baden-Württemberg. Daneben haben zwei Stuttgarter Firmen, die Prolab GmbH und die Schwarz-Gruppe Stuttgart, im Rahmen eines Social Sponsoring, das gesamte Ausstellungskonzept erarbeitet sowie das Layout für das Begleitheft übernommen. Konzipiert wurde die Ausstellung bewusst als Wanderausstellung, um das Thema „Euthanasie“ im Nationalsozialismus einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Eine Wanderausstellung kann Orte und Menschen erreichen – innerhalb und außerhalb Baden-Württembergs - die sonst im wahrsten Sinne des Wortes außerhalb der Reichweite der Gedenkstätte Grafeneck liegen.

Größe und Umfang
Herausgekommen sind 28 Ausstellungstafeln mit den Maßen von 2 x 1 Meter. Angeordnet sind diese in vier Themeninseln, die von zwei Großbildern - dem Tötungsgebäude und den grauen Bussen - seitlich eingerahmt werden. Die frei in einem Raum zu stehen kommende Ausstellung besitzt ein eigenes Stellsystem und benötigt eine ca. 70 Quadratmeter große Fläche.

Inhalte und Themen
Die Ausstellung beschäftigt sich mit einem Thematik, die über 60 Jahre zurückliegt: der Ermordung von über 10.600 kranken und behinderten Menschen in Grafeneck im Jahr 1940. Ihr Thema ist somit historisch zu nennen, doch lassen sich eine Vielzahl aktueller Bezüge erkennen. Die Gedanken und Motive, die zu den Verbrechen des Nationalsozialismus führen, beschränken sich nicht nur auf den Zeitraum von 1933 bis 1945, ebenso wenig sind sie räumlich auf Deutschland beschränkt. Hier jedoch ist es die Verbindung von politischem Radikalismus und Extremismus mit nüchternem technokratischen Sachverstand, die bei der Ermordung von Menschen zum tragen kommen und zu einer erschreckenden Einzigartigkeit in der Geschichte führen. Die Ausstellung ist in vier Themenblöcke gegliedert:
(1) Der erste veranschaulicht die historische Bedeutung Grafenecks: Grafeneck war der erste von insgesamt sechs Orten im nationalsozialistischen Deutschland an dem Menschen mit dem Ziel einer systematisch-industriellen Ermordung in einer Gaskammer getötet wurden. Ebenfalls stammen von hier ein Teil der Täter, die in den späteren Vernichtungslagern des Holocaust auf die selbe Art und Weise deutsche und europäische Juden ermorden. Dies erklärt die besondere Bedeutung Grafenecks für die Deutsche Geschichte sowie für die Geschichte Baden-Württembergs, mit seinen historischen Ländern Baden, Württemberg und Hohenzollern.

(2) Der zweite Themenblock der Ausstellung zeigt das politische Geschehen auf Reichs- und Landesebene - Berlin und Stuttgart. Ohne diese Verdeutlichung ließen sich die Vorgänge in Grafeneck nicht erschließen und einordnen. Unabdingbar für ein arbeitsteiliges Verbrechen dieser Größenordnung war die Mitwirkung einer Vielzahl von Staatsorganen und Parteiämtern, von Tätern und Helfern.

(3) Den Kern der Ausstellung bildet der dritte Themenblock. Er zeigt Grafeneck als Tötungs- und Vernichtungsanstalt in den Jahren 1939-1941. Schwerpunkte sind hierbei die Veränderung der Anstalt, die Morde des Jahres 1940, die Opfer aber auch die Täter von Grafeneck. Verdeutlicht wird die strategisch übergreifende Planung nationalsozialistischer Gewalt- und Vernichtungspolitik. So werden ab 1941/42 die Täter der „Euthanasie“ gezielt in den Vernichtungslagern des Ostens eingesetzt. Dies gilt für jeden vierten des Grafenecker Personals von 1940. Manch einer durchlief eine „steile Karriere“: als Lagerarzt in Auschwitz-Birkenau, Kommandant von Treblinka oder Belzec, bis hin zum Generalinspekteur der Aktion Reinhardt in seiner Zuständigkeit für die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. Deutlich dokumentiert dies auch den Zusammenhang von „Euthanasie“-Verbrechen und Judenmord im Nationalsozialismus.

(4) Der letzte Teil der Ausstellung ist den heutigen Aufgaben der Gedenkstätte Grafeneck gewidmet. Deutlich hervorgehoben wird die Bedeutung der Wahrung der Demokratie und der Menschenrechte. Erst durch deren Aufhebung wurde es möglich Menschen aufgrund von staatlicher Anordnung und mit Hilfe von staatlichen Organen verfolgen und töten zu lassen. Doch auch heute muss sich unser demokratisch verfasstes Staatswesen die Frage stellen, wie es mit Minderheiten, Ausländern, Behinderten, alten und kranken Menschen, umgeht, muss sich fragen, in welchem Umfang es bereit ist, soziale Aufmerksamkeit und materielle Zuwendung bereitzustellen, um Menschen die am Rande der Gesellschaft stehen, zu integrieren und ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Hinzukommen sind die Neuerungen der modernen Bio-Medizin und Bio-Ethik. Sie stellen die Gesellschaft vor Herausforderungen und Probleme, auf die es keine einfachen und eindimensionalen Antworten gibt. Die Ausstellung soll das Bewusstsein für Gefahren schärfen, die von utilitaristischen Nützlichkeitsüberlegungen und Kosten-Nutzen-Denken ausgehen können. Auf indirekte Weise kann die Ausstellung damit auch das Ziel von der Schaffung eines perfekten Menschen oder der perfekten, weil leidensfreien Gesellschaft, in Frage stellen.

Eine wichtige Rolle spielt das Motiv „Gegen das Vergessen“, den Opfern historische Gerechtigkeit und Anerkennung widerfahren zu lassen: Menschen wurden von den Tätern als lebensunwertes Leben diffamiert, ihre Tötung als Gnadentod bezeichnet. Dies stand am Ende einer langen Entwicklung. Voraus gingen Ausgrenzung und Entwürdigung, die schließlich zu Mord und Auslöschung – auch des Gedächtnisses - führten. Erst nach 1990 begann im letzten Jahrzehnt die Suche nach den Namen der Opfer, bis heute ein konkreter wie ein symbolischer Akt: Steht doch jeder einzelne Name für ein ganz individuelles Lebensschicksal.



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