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Das Namensbuch

Das Gedenkbuch/Namensbuch für die Opfer der „Euthanasie“ in Grafeneck

Im Anschluß an die Fertigstellung der Gedenkstätte Grafeneck im Jahr 1990 begann ein Projekt, das inhaltlich in einem engen Bezug zur Gedenkstätte selbst steht: Es ist die Suche nach den Namen der 10.654 Menschen, die in Grafeneck 1940 als sogenanntes „lebensunwertes Leben“ ermordet wurden - beraubt ihres Lebens, ihrer Würde und ihrer Identität.
Voraus gingen dem konkreten Forschungsauftrag aber - Anfang der 1990er Jahre - rechtliche Vorabklärungen. Hierfür richtete der Arbeitskreis Gedenkstätte Grafeneck Anfragen an die Landesarchivdirektion Baden Württemberg (14.04.1991) sowie die Landesbeauftragte für den Datenschutz in Baden-Württemberg (10.07.1992) und bat um eine Stellungnahme zu diesem Vorhaben. Das Antwortschreiben der Landesarchiv-direktion datiert vom April 1991. Die Landesarchivdirektion kam hierbei zu folgender Einschätzung der Sachlage:
„Soweit Namen von Opfern aus in staatlichen oder kommunalen Archiven verwahrten Unterlagen erhoben werden sollen, müssen Sperrfristen für die Benutzung nach dem Landesarchivgesetz beachtet werden. Da die Grafeneck-Opfer alle länger als 10 Jahre verstorben sind, wird eine Benuzung der Akten, die bis 1960 abgeschlossen waren (30 -Jahresfrist), durch das verwahrende Archiv in der Regel gestattet. [...] Die Datenschutzgesetze beziehen sich nur auf Daten Lebender und sind daher hier nicht einschlägig.“
Im zweiten Teil des Schreibens der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, nahm diese auch dezidiert Stellung zur Veröffentlichung der Namen der Opfer:
„Zu prüfen ist lediglich die Frage, ob die Publizierung der Namen von Opfern, die sogenannten postmortalen Persönlichkeitsrechte beeinträchtigen könnte. Nach Auffassung der Landesarchivdirektion ist das nicht der Fall. Daher unterliegt die Veröffentlichung der Namen von Opfern nach so langer Zeit keiner rechtlichen Einschränkung.“
Die damalige Landesbeauftragte für den Datenschutz Baden-Württemberg, Dr.Ruth Leuze, kam im August 1992 ebenfalls zu einer positiven Einschätzung des Projekts Namensuche, bzw. Namens- und Gedenkbuch. Sie ging in ihrer Stellungnahme nicht nur auf die Namenssuche, sondern auch auf die Öffentlichmachung, die Speicherung sowie die spätere wissenschaftliche Nutzung des Datenmaterials ein:
„Wenn der Arbeitskreis Gedenkstätte Grafeneck Name und Vorname von in Grafeneck ermordeten Menschen an der Gedenkstätte anbringen und weitere Daten dieser Opfer für spätere wissenschaftliche Forschungsvorhaben speichern will, dann muß er dabei weder das Bundes- noch das Landesdatenschutzgesetz beachten. Diese Gesetze schützen nämlich nur Daten von lebenden natürlichen Personen, nicht dagegen solche von Toten. Dies bedeutet freilich nicht, daß mit Daten von Toten beliebig verfahren werden könnte. Jeder Mensch hat auch noch über seinen Tod hinaus Anspruch auf Achtung seiner Menschenwürde. Dieser sog. nachwirkende Persönlichkeitsschutz muß also auch beim Umgang mit Daten von Toten beachtet werden. Soweit sich dies der knappen Beschreibung Ihrer Aktivitäten entnehmen läßt, dürfte er dadurch allerdings nicht gefährdet sein. [...] Ich wünsche Ihren Aktivitäten viel Erfolg.“
In mehrjähriger Suche wurde es möglich in einem ersten Anlauf etwa 4.500 Namen zu rekonstruieren - jeder Zeit bewußt der Problematik eines solchen Unterfangens über 40 Jahre nach dem Geschehen. Im Verlauf einer beinahe fünfjährigen Suche in einer Vielzahl von staatlichen, kirchlichen und privaten Archiven, in Dutzenden von Einrichtungen der Psychiatrie und der Behindertenhilfe wurde deutlich, daß eine Vollständigkeit nicht mehr oder nur noch unter allergrößten Schwierigkeiten zu erzielen sein würde. Für eine Lückenlosigkeit standen und stehen die Quellen dem Historiker nicht mehr zur Verfügung. Dies änderte sich auch nicht durch das Wiederauftauchen einer sehr großen Zahl von Patientenakten der Opfer der „T4-Aktion“, die heute im Bundesarchiv in Berlin verwahrt werden.. Eine Vielzahl von Dokumenten war vernichtet - entweder durch Kriegseinwirkungen im Verlauf des Zweiten Weltkrieges oder bewußt bei Kriegsende - und damit unwiderbringlich der Nachwelt verloren.
Die Namen der Opfer wurden aus einer Vielzahl von Dokumenten und Unterlagen erarbeitet:
- Original-Transportlisten des Jahres 1940 der „Gekrat GmbH“, die im Rahmen der „Euthanasie“-Morde, der sogenannten „Aktion T4“, für die „Verlegungen“ der Opfer in die Tötungsanstalten verantwortlich war
- Abschriften von Transportlisten
- Auszügen aus Zu- und Abgangsbücher derjenigen Einrichtungen aus denen die Opfer stammmten
- Listen von Opfer, die nach 1945 aufgrund heute nicht mehr erhaltener Dokumente für Nachkriegsprozesse erstellt wurden
- Privatunterlagen von Nachkommen und Verwandten der Opfer.
Erschwerend für eine vollständige Rekonstruktion war die Tatsache, daß eine große Zahl der Opfer nicht auf direktem Weg, sondern über ein Systen von sogenannten „Zwischenanstalten“ nach Grafeneck deportiert wurden. Wo sich Namen in einer dieser Zwischenanstalten verloren, wo die Weiterverlegung nach Grafeneck nicht definitiv geklärt werden konnte, wurde auf eine Aufnahme ins Gedenkbuch verzichtet, bzw. von einer Aufnahme abgesehen.
Im Oktober 1995 schließlich konnte das Gedenkbuch erstmals im Rahmen des alljährlich stattfindenden Gedenkgottesdienstes der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Bewußt wurden die Namen der Opfer in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt. Bewußt wurde auf zusätzliche Informationen, wie den Geburtstag oder den Geburtsort, aber auch Herkunfts- und Abgabeanstalt verzichtet. Diese Auskünfte sind bis zum heutigen Tag nur Angehörigen, bzw. für amtliche und wissenschaftliche Zwecke zugänglich.
Das Geleitwort für das Namens- und Gedenkbuch stammt vom Landesbischof der evangelischen Kirche in Württemberg a.D. Dr.h.c. Theo Sorg. In ihm heißt es:
„Nun hat wenigstens ein Teil jener namenlosen Opfer von Grafeneck wider namhaft gemacht werden können, Menschen über deren Leben die Zusage Gottes stand: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufe; du bist mein!“ (Jesaja 43,1). Vor Gott gibt es kein lebensunwertes Leben. Bei ihm sind wir auch keine belanglosen Nummern. Er hat jedem sein eigenes Wesen und seinen unverwechselbaren Namen gegeben, bei dem er uns ruft und auf den hin er verspricht „Du bist mein!“. Das gilt auch für die Opfer von Grafeneck. Auch von ihnen hatte jeder seinen eigenen Namen, bei dem er gerufen wurde: die jetzt namhaft gemachten und die noch immer Namenlosen. Das vorliegende Buch mit seinen Tausenden von Namen will nicht nur die Erinnerung an die Toten wachhalten. Es will uns Lebende mahnen, die vielen Namenlosen und Rechtlosen unserer Zeit nicht zu übersehen und zu vergessen. Wir dürfen das nicht! Und wenn wir sie vergäßen, bei Gott ist nicht einer vergessen.“
Das Gedenkbuch das inzwischen eine Erweiterung erfahren hat und 1998 und 2003 erneut aufgelegt wurde, enthält heute über 8.000 Namen. Seit Oktober 1998 ist das Gedenkbuch zusätzlich im Bereich der Gedenkstätte in Grafeneck untergebracht, d.h. allen Besuchern öffentlich und frei zugänglich. Es ist seither noch ungleich mehr zu einem festen und integrativen Bestandteil der Gedenkstätte geworden. Es hinterläßt im Bewußtsein der Besucher, Erwachsenen wie Jugendlichen, einen nachhaltigen unauslöschlichen Eindruck. Angehörige der Opfer mahnen immer wieder mit der Frage „Wo ist der Name meines Verwandten“ eine Fortschreibung an. Die Arbeit am Gedenkbuch wird weitergehen. Ganz konkret aber auch symbolisch, steht sie doch für die Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit in Grafeneck überhaupt.



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